Zehn Aspekte zur Computerkunst

Gegenüber der Computerkunst gibt es hartnäckige Vorbehalte und Vorurteile, die vermutlich alle auf Missverständnissen aus den Anfangszeiten der Computerkunst oder falschen Vorstellungen über den Computer selbst beruhen. Der Computer wird vom Menschen gerne personifiziert und in direkter Konkurrenz zu sich selbst verstanden. Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ hat wohl auch ein Tabuthema berührt, das bei vielen Menschen großes Unbehagen auslöst und zur Ablehnung oder Abwertung der Computerkunst führt. Der Begriff Toleranz ist in allen Bereichen des Lebens essentiell – das gilt vielleicht besonders für die Kunst. Es gilt zu begreifen, wie interessant und hochgradig evolutionär unterschiedliche Bereiche miteinander wechselwirken und Hochwertiges erschaffen können. Kunst muss alle Bereiche ausloten. Geht eine Disziplin verloren, ist das ebenso ein Verlust für alle anderen Bereiche – das Ganze ist eben mehr als die Summe seiner Teile. Mit den folgenden Thesen möchte ich die Klischees über digitale Kunst entkräften und zeigen, dass der Computer, richtig eingesetzt, in der Kunst als hervorragendes Werkzeug dienen kann.

  1. Ursprungsfrage: Die Wurzeln der Computerkunst sind bereits sehr alt. Arithmetik und Geometrie zählen schon seit der Antike zu den sieben freien Künsten. Das Wort Kunst ist von "Können" abgeleitet und wurde im Sinn von Wissen oder Weisheit verstanden. Beide Disziplinen werden für die Computerkunst eingesetzt. Erst seit jüngerer Zeit gibt es die Möglichkeit, den Computer als künstlerisches Werkzeug zu verwenden. Dieses Mittel war den alten Griechen vorenthalten. Mit dem Rechner kann der Computerkünstler wieder in Verbindung mit den Künsten der Antike treten, deren Ideen aufgreifen und im künstlerischen Bereich fortführen.

  2. Charakterfrage: Über Computerkunst wird oft behauptet sie wirke zu kalt und nüchtern. Das kann meiner Meinung nach, gleich in welchem Bereich, nur an einzelnen Kunstwerken festgemacht werden und nicht an der Kunstrichtung selbst. In den frühen Jahren der Computerkunst mag man sich vielleicht zu oft und zu eng an Technik und Wissenschaft angelehnt haben, was zu diesem Eindruck beigetragen haben mag. Computerkunst darf beispielsweise kein Abfallprodukt wissenschaftlicher Visualisierung sein, sondern muss um der Kunst selbst willen erschaffen sein. Ansonsten ist schlicht das Thema verfehlt.

  3. Konzeptfrage: Computerkunst kann verschiedene Themen durch ein klares Konzept darstellen, welches wie ein roter Faden das Werk verbindet. Beispielsweise will ich meine abstrakten Bilder als Wesen im Datenuniversum, dem „DatVerse“, verstanden wissen, die sich als Kreaturen, Ereignisse oder zeitliche Abläufe zeigen. Die Kunstwerke beruhen auf individuell programmierten Algorithmen, hinter denen eine konkrete Idee steht. Ein Genotyp wird in den zugehörigen Phänotyp abgebildet. Abstrakte Bilder wirken durch Schlüsselreize und können gedeutet werden.

  4. Kreativitätsfrage: Wer im Bereich Computerkunst arbeitet, kann durchaus sehr kreativ sein. Der Künstler kann hier nicht auf Jahrtausende altes Vorwissen zurückgreifen. Er muss ein neueres Werkzeug benutzen und seinen Umgang erlernen, um etwas Neues zu erschaffen. Der Künstler muss seine Idee umsetzen – der Computer kann ihm die Kreativität nicht abnehmen. Der Rechner hat nur die Rolle des Werkzeugs in den Händen des Künstlers.

  5. Schöpfungsfrage: Viele Menschen denken, dass es in der Computerkunst nichts Neues mehr gebe und schon alles getan sei. In der Kunst geht es aber um Ideen und darum, was man erschafft, und nicht, wann man damit beginnt. Es gibt immer wieder Menschen, die erst spät Zugang zu einem Computer bekommen und etwas Anderes oder Neues damit anfangen als alle anderen vor ihnen. Andernfalls gäbe es nur eine einzige, wie durch einen „Urknall“ geschaffene Standardkultur und niemals nachfolgende Kulturgenerationen. Das ist aber nicht so. Schaut man sich die Geschichte an, ist klar, dass die Entwicklung der Kunst in allen Bereichen schon immer vorangeschritten ist.

  6. Qualitätsfrage: Computerkunst sei nichts als „Techi-Spielerei“ und biete nichts Besonderes. Daher sei sie nichts wert. Das haben die alten Ägypter über perspektivische Abbildungen wohl auch schon gesagt. Die Menschen in den nachfolgenden Jahrhunderten nehmen das anders wahr. Ich denke, Computerkunst kann in Zukunft genauso wertvoll sein wie ein „klassisches“ Gemälde.

  7. Inhaltsfrage: Es gibt einen gesellschaftlichen Aussagekontext. Computerkunst hat immer mit Menschen zu tun und sie hat einen philosophischen Hintergrund. Meine Kunstwerke beruhen zum Beispiel auf individuell programmierten Algorithmen, die einen Genotyp in den zugehörigen Phänotyp abbilden. Analog der biologischen Artenvielfalt, bei der sich genetische Codes in Lebewesen exprimieren, setzen sich die unterschiedlichen Kunstwerke letztlich aus einer Folge von Bits, also Nullen und Einsen, zusammen. Auch in der Computerkunst müssen der Mensch und sein Werk im Mittelpunkt stehen. Mein Interesse gilt der komplexen Welt mit ihren unvorhersagbaren Entwicklungen und ihren Verflechtungen mit dem Leben des Menschen. Mit meinen Bildern möchte ich darstellen, wie sehr der Lauf des Lebens mit seinen vielen Stationen einerseits an strenge Gesetze gebunden ist und andererseits doch stark vom Zufall abhängig ist.

  8. Formfrage: Wir alle haben heute in irgendeiner Form mit Computern zu tun. Computer ziehen oft unseren Ärger auf sich, weil sie uns scheinbar viel Arbeit und technische Probleme machen. Wollen wir sie deswegen nicht in Verbindung mit Kunst bringen? Ich will zeigen, dass uns Computer auch Freude bereiten und sich in der Kunst sehr wohl behaupten können. Der Computer kann als interaktives Werkzeug des Künstlers dienen und die Anfertigung ansprechender, bewegender Kunst mit Charakter auf modernen Medien möglich machen.

  9. Aufwandsfrage: Ein Computerkunstwerk entsteht nicht schnell auf Knopfdruck und es ist auch nicht einfach zu erschaffen. Das ist ein weit verbreiteter Irrtum, der von Menschen angenommen oder verbreitet wird, die sich mit Computern nicht auskennen oder nicht auskennen wollen. Computerkunstwerke erfordern von der Idee bis zum fertigen Bild aufwändige Arbeiten mit Hand und Hirn. Der künstlerische Schöpfungsakt ist ein interaktiver Prozess am Computer, bei dem der Künstler das Kunstwerk nach seinen Vorstellungen formt, bis es die endgültige Gestalt annimmt. Damit unterscheidet sich der Computerkünstler im Grunde nicht von einem Bildhauer oder einem Maler.

  10. Reproduktionsfrage: Ein digitales Kunstwerk kann man beliebig oft reproduzieren und verkaufen. Das kann man innerhalb kürzester Zeit auch mit Gemälden oder alten Vasen tun, wie Fälscher leider nur zu oft beweisen. Durch die strenge Limitierung eines Bildes mit nummerierter Signatur und dazugehörigem Zertifikat besteht dieses Problem nicht mehr. Den entscheidenden Faktor bestimmt stets der Mensch und nicht die Technik.


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